An(ge)dacht

Maria – Vorbild im Glauben?

Liebe Leserinnen und Leser!

Maria – Heilige, Jungfrau, Muttergottes, Gottgebärerin, Königin des Himmels, Mittlerin der Gnaden… Unzählige mal wurde sie gemalt, großartige Zeugnisse sind entstanden, die ihren Namen tragen: Notre Dame in Paris, das Münster in Freiburg, die Großenhainer Stadtkirche, um nur die wichtigsten Kirchen aus der Vielzahl zu nennen. Es liegt auf der Hand: Nur wenige biblische Personen haben solche Verehrung gefunden, wie sie. Bekanntermaßen war gerade diese Verehrung Stein des Anstoßes. Schon auf der Synode von Ephesus (431 n.Chr.) war es eine schwere Geburt, als man Maria den Titel „Gottgebärerin“ zubilligte. Manche fragten besorgt, ob damit Maria nicht über Gott selbst stellen würde? Und viele Protestanten können aus unserer reformatorischen Tradition heraus mit all den Wallfahrten und Maria-Altären wenig anfangen. Dennoch: In Maria haben durch alle Zeiten bis heute Menschen ein Vorbild für ihren Glauben gefunden.

Wenn ich es recht überblicke, waren lange Zeit ihr bedingungsloser Gehorsam und ihre demütige Haltung das zentrale Element. „Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, nach deinem Wort“ (Lukas 2,38). So antwortete sie auf die Botschaft des Engels. Wer wie Maria sein wollte, der musste die eigenen Lebenswünsche und Begehrlichkeiten loslassen, um ganz in stiller Hingabe am Nächsten aufzugehen. Heute reiben sich besonders viele Frauen an dieser Sicht Marias. Sich ganz aufzuopfern – ist es wirklich das, was Gott (nicht nur) für die Frauen im Sinn hat? Sind nicht unsere Lebenswünsche auch eine ganz vitale Lebenskraft, aus der man mit anderen und für andere da sein kann? Sind Eigensinn und Widerstand nicht zumindest manchmal Eigenschaften, die gerade aufgrund ihrer Herausforderung weiterbringen? Und wer Verantwortung übernehmen möchte, wird dies bei ständiger Zurücknahme des Eigenen auch nur schwerlich schaffen. Die „heilige Jungfrau Maria“ als Vorbild – an ihre Stelle sind längst andere Deutungen getreten.

Eine davon zeichnet uns mit Maria das Bild eines Menschen, dem es gelingt, die Spannung auszuhalten, die in unterschiedlicher Ausprägung jeder von uns kennt und manchmal erleidet: Unsere tiefe Sehnsucht einerseits in einer Verbundenheit in einer größeren Gemeinschaft aufzugehen und andererseits genau das Gegenteil – unsere Sehnsucht, ein eigener Mensch zu sein.

Die Verbundenheit erfährt Maria besonders in ihrer Schwangerschaft. „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott“ (Lukas 2, 46f) singt Maria und lässt die Freude erahnen, die Mütter spüren, wenn sie schwanger sind. Und nicht nur für Maria ist das ein Meilenstein. Denn die Erfahrung als Embryo Teil der Mutter zu sein, von ihr versorgt, getragen und geborgen zu werden, ist sicherlich die entscheidende Antriebsfeder unserer Sehnsucht nach einer Einheit mit anderen.

Doch später erlebt Maria, wie Jesus sich schon mit 12 Jahren von der Familie abgrenzt, um als Erwachsener heimatlos herumzuziehen und zumindest teilweise recht schroff auf seine Mutter zu reagieren. Mit anderen Worten: Irgendwann beginnt der Weg in die Vereinzelung, wahrscheinlich bereits mit dem Nabelschnitt und zumeist spätestens ab der Pubertät „mit wehenden Fahnen“. Wir müssen lernen „ICH“ zu sagen, für uns selbst zu stehen, Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen lernen „DU“ zu sagen und dem Anderen Freiräume lassen. Nur so werden wir eigenständige Persönlichkeiten und können darüber anderen Nähe und Zuwendung schenken ohne sie ganz für sich zu vereinnahmen. Bei aller notwendigen Nestwärme erweisen Eltern ihren Kindern keinen Dienst, wenn sie nur für ihre Kinder da sind und ihnen alle Herausforderungen abnehmen. Einfach ist das sicher nicht, diese Spannung auszuhalten - gewiss auch nicht für Maria. Aber das es sich lohnt und grundsätzlich möglich ist, diese Pole von Distanz und Nähe immer wieder neu auszuloten, dafür steht Maria und hier kann sie uns auch als Protestanten Glaubensvorbild sein.

Ihr Pfarrer Konrad Adolph