An(ge)dacht im Oktober und November

Liebe Gemeinden im Kirchspiel,

Die weiße Taube ist einer der großen Symbolträger der Menschheit. Sie kommt in fast allen Kulturen vor. Die Bedeutungen sind unterschiedlich, aber fast durchgängig positiv. Bei Hochzeiten werden sie gern aufgelassen, da sie Symbol für Liebe, Fruchtbarkeit und Treue sind. In der christlichen Symbolik steht sie seit dem 4. Jahrhundert für den Heiligen Geist und wurde gern im Zusammenhang mit der Taufe dargestellt. Vor allem aber ist die weiße Taube ein Friedenssymbol. Auch hier liegen die Wurzeln dafür in der Bibel: Am Ende der Sintflut lässt Noah eine Taube fliegen auf der Suche nach Land. Sie kehrt zurück mit einem Ölzweig im Schnabel – Ausdruck der Versöhnung zwischen Gott und Mensch. Doch was ist da auf unserem Titelblatt? Ein Friedenstäublein – kurz vorm Platzen! Die Federn stehen zu Berge, der Schnabel – eigentlich klein und eher zartrosa – prangt wie eine rote Ampel oder ein kampfeslustiger Enterhaken. Die Augenbrauen hochgezogen, als wolle sie sagen: „Achtung! Letzte Warnung! Noch ein Wort und es raucht!“ Der Ölzweig könnte dann auch als Peitsche verwendet werden und der linke Flügel ist eine überdimensionierte Faust, die auf den Tisch knallt und ausdrückt: „Schluss jetzt. Basta!“ Streit! Sofort werden Erinnerungen wach an die eigenen Streiterfahrungen im Leben. Denn ob wir wollen oder nicht: Streit gehört zu unserem Leben und begleitet uns von Kindesbeinen an. Auch Kleinkinder sind keine Friedensengel. Wenn jemand das geliebte Spielzeug haben will, gibt’s auch schnell mal „paar auf die Hörner“. Jugendliche im Überschwang des Sturm und Dranges werden wechselseitig mit ihren Eltern dieses Thema durchleben. Ehepaare können sich streiten, dass „die Fetzen fliegen“, selbst friedfertigste Menschen können „zur Weißglut gebracht werden“ und „rot sehen“. Und wer noch nicht im realen Leben genug Beispiele findet, schalte einfach eine Talkshow an und kann hier im Sicherheitsabstand vom Sofa aus studieren, wie gekeift und gezankt wird – Hauptsache man erweist sich als der durchsetzungsfähigere! Streit! Er gehört zu unserem Leben. Das ist nicht zu leugnen. Und dabei müssen wir zugeben, dass wir selbst auch oft genug Anlass zum Streit liefern. Erstaunlich, wie schnell und einfallsreich wir streiten können, wie bockig wir sein können und nachtragend. Und wie einsilbig es zugeht, wenn es darum geht, einen Konflikt auszutragen, dass er nicht so endet, wie auf dem Titelblatt. Streiten will also gelernt sein. Oft wird dabei die Meinung vertreten: Frieden ist die Abwesenheit von Konflikten und Streit. Das glaube ich allerdings nicht. Man kann auch „um des lieben Friedenswillen“ etwas unter den Teppich kehren, was unterm Strich nur weitere Streitereien bewirkt. Ich denke, Frieden entsteht dort, wo wir lernen, auf richtige Weise zu streiten und Konflikte angemessen auszutragen. Das beginnt damit, dass man doch zumindest versucht, die Beweggründe des anderen zu verstehen (man muss sie deswegen nicht übernehmen!). Zu hören, was der andere zu sagen hat; hinhören, was genau den anderen ärgert; ehrlich zu sich selbst sein. Den Respekt voreinander nicht verlieren ist dabei genauso zentral wie das Wissen um die Fehlbarkeit und Begrenztheit der eigenen Person. Wer dies versucht, wird schnell merken: So einfach ist das nicht im Leben, wie diese Zeilen geschrieben sind. Aber nur so werden wir für Frieden streiten können.

Ihr Pfarrer Adolph

internetso Großenhain
Kirche
Jahreslosung 2017:
Gott spricht:
Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Ez 36,26 (E)
Evangelisch-Lutherisches Landeskirchenamt Sachsens